Medizinische Ursachen bei Kindern

Hörverlust kann das Symptom oder die Folge einer Vielzahl medizinischer Ursachen sein.

Young girl in the park

Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über einige der häufigsten medizinischen Ursachen, die zu einem Hörverlust bei Kindern führen können. Bitte beachten Sie, dass es sich lediglich um einen Überblick und nicht um eine vollständige Liste handelt. Ausführliche Informationen zu diesen und anderen Ursachen erhalten Sie von Ihrem Arzt.

Atresie/Mikrotie

Auf das Gehörsystem bezogen, versteht man unter Atresie die Nichtanlage des äußeren Gehörgangs. Die Erkrankung wird häufig von einer Mikrotie begleitet, wobei sich das Außenohr anormal entwickelt. Beide Arten von Fehlbildungen können Schallleitungs-Schwerhörigkeit verursachen. Atresie und Mikrotie treten in der Regel isoliert auf, können aber auch Symptome anderer Erkrankungen wie des Goldenhar- und des Treacher-Collins-Syndroms sein. Die Inzidenz von Atresie schwankt zwischen einem Fall je 10.000 und einem Fall je 20.000 Kinder1, 2 ; Jungen sind doppelt so häufig wie Mädchen betroffen1. Bei 85 % der Kinder tritt Atresie nur auf einem Ohr auf2, oder es ist nur eine Seite betroffen. Tritt die Atresie hingegen als Folge eines der beiden Syndrome auf, sind mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % beide Ohren betroffen2.

Chronische Otitis media

Otitis media (Mittelohrentzündung) ist eine Mittelohrinfektion, von der hauptsächlich Kinder betroffen sind; es ist die weltweit am häufigsten auftretende Kinderkrankheit. Bis zum Alter von drei Jahren erkranken mehr als 83 % der Kinder mindestens einmal an einer Otitis media; bei 46 % dieser Kinder tritt die Erkrankung mehr als dreimal auf. Je nach Krankheitsverlauf unterscheidet man: akute Otitis media; Otitis media mit Erguss; chronische Otitis media und chronische eitrige Otitis media. Bei Kindern mit wiederkehrenden Episoden von akuter Otitis media oder chronischer eitriger Otitis media besteht ein erhöhtes Risiko einer Schallleitungs-Schwerhörigkeit und eines sensorineuralen Hörverlusts. Perioden einer Schallleitungs-Schwerhörigkeit aufgrund von Otitis media können sich negativ auf die Sprachentwicklung von Kindern auswirken3 und werden häufig von Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Problemen bei der sozialen Anpassung begleitet4.

Lippenspalte und/oder Gaumenspalte

Orofaziale Spalten treten auf, wenn während der Schwangerschaft Teile der Lippe oder des Gaumens des Fötus nicht komplett miteinander verschmelzen5. Lippenspalten können in unterschiedlicher Größe auftreten; von einem kleinen Spalt in einer Ecke der Lippe bis zu einer Öffnung, die bis in die Nase oder den Gaumen reicht. Auch Gaumenspalten können in unterschiedlicher Stärke auftreten und von einem Defekt im weichen Gaumen (hinten am Hals) bis zu einer kompletten Spalte reichen, die bis zum harten Gaumen (dem Überbau des Mundes) reicht. Kinder können mit einer Lippen- oder einer Gaumenspalte oder mit beiden Arten dieser Fehlbildung geboren werden. Beide Bedingungen können chirurgisch erfolgreich behandelt werden, insbesondere in den ersten 12-18 Monaten nach der Geburt5. Bei vielen Kindern mit Gaumenspalte kommt es auch zu Problemen mit der Ohrtrompete, deren Folge Flüssigkeitsansammlungen im Mittelohr sowie ein Hörverlust sein können. Deshalb sollte bei Kindern mit Gaumenspalte das Gehör regelmäßig überprüft werden. Gegebenenfalls ist es erforderlich, die Ohren mit kleinen Druckausgleichsröhrchen abzulassen6.

Kongenitale Taubheit  

Kongenitale Taubheit ist ein Hörverlust, der ab der Geburt auftritt. In der Hälfte aller Fälle werden genetische Faktoren als Ursache vermutet. In allen anderen Fällen wird der Hörverlust durch Infektionen oder andere Faktoren übertragen, die während der Schwangerschaft oder bei der Geburt auf das Kind einwirken. Wenn die Mutter in den frühen Phasen der Schwangerschaft an den viral verursachten Röteln oder einer Infektion mit dem Zytomegalievirus erkrankt, besteht die Gefahr einer kongenitalen Taubheit des Kindes. Während der Wehen können weitere Infektionen von der Mutter auf das Neugeborene übertragen werden. Die Hörentwicklung des Kindes kann auch beeinträchtigt werden, wenn die Mutter während der Schwangerschaft bestimmte Medikamente einnimmt, insbesondere bestimmte Arten von Antibiotika7.

Down-Syndrom

Das Down-Syndrom (auch bekannt unter den Bezeichnungen Trisomie 21 oder Trisomie G) ist eine Chromosomenanomalie, die durch ein zusätzliches 21. Chromosom verursacht wird. Personen mit Down-Syndrom weisen in der Regel Störungen wie einen Epikanthus, eine Makroglossie und eine transversale Querfurche der Handfläche auf. Außerdem besteht bei ihnen ein erhöhtes Risiko kongenitaler Herzdefekte, organischer Erkrankungen sowie eines Hörverlusts. Chronische Ohrinfektionen wie eine Otitis media mit Erguss gehören zu den häufigsten Ursachen von Hörverlust bei Kindern mit Down-Syndrom. Auch Fehlbildungen des Hörsystems und Probleme bei der Nervenübertragung können Hörverlust verursachen. Die häufigste Hörstörung bei Personen mit Down-Syndrom ist Schallleitungs-Schwerhörigkeit8, aber auch sensorineuraler Hörverlust und kombinierter Hörverlust können auftreten9. Der Grad des Hörverlusts ist bei Kindern mit Down-Syndrom unterschiedlich. Charakteristisch ist jedoch, dass selbst leichte Fälle schwerwiegende Auswirkungen auf die Sprachwahrnehmung, den Spracherwerb, die geistige Leistungsfähigkeit und die soziale Einbindung haben10.

Otitis externa

Otitis externa ist eine Entzündung des Außenohres und/oder des Gehörgangs. Sie wird zumeist durch eine akute Bakterien- oder Pilzinfektion verursacht, kann jedoch auch in Verbindung mit einer Hauterkrankung, Allergie oder Verletzung ohne mikrobielle Infektion auftreten. Otitis externa wird auch als „Bade-Otitis“ bezeichnet, da häufig exzessive Aufenthalte im Wasser Ursache einer bakteriellen Infektion sind11. In den meisten Fällen ist das Gewebe im Gehörgang angeschwollen und kann schmerzen und/oder ist berührungsempfindlich.

Meningitis

Meningitis ist eine durch Bakterien oder Viren hervorgerufene Infektionskrankheit, die Entzündungen sowie ein Anschwellen der Hirn- und Rückenmarkshäute verursacht. Die häufigsten Symptome einer Meningitis sind Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, verbunden mit Fieber, Verwirrtheit oder Bewusstseinsminderung, Übelkeit und einer Überempfindlichkeit gegen Licht (Photophobie) und laute Geräusche (Phonophobie). Mögliche schwere Komplikationen sind Hörverlust oder Taubheit. Hauptursache für Meningitis ist eine Infektion mit Viren, Bakterien oder anderen Mikroorganismen; seltener kann die Erkrankung auch durch bestimmte Medikamente verursacht werden.

Ototoxische Medikamente

Ototoxische Medikamente schädigen das Ohr und sind eine häufige Ursache von Hörverlust, insbesondere bei Kindern, die regelmäßig Medikamente einnehmen. Der ersten Symptome sind häufig Ohrgeräusche (Tinnitus) und Drehschwindel. Ein durch ototoxische Medikamente verursachter Hörverlust entwickelt sich in der Regel recht schnell, kann nach dem Absetzen des betreffenden Medikaments aber auch wieder verschwinden. Bestimmte Medikamente können jedoch auch eine dauerhafte Schädigung des Innenohrs verursachen.  Nachfolgend einige Beispiele für häufig genutzte Medikamente, die einen Hörverlust verursachen können: große Dosen Aspirin; nicht-steroidale entzündungshemmende Medikamente; einige Antibiotika; Schleifendiuretika zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzfehlern sowie Medikamente zur Behandlung von Krebs bei Kindern.

Akuter Hörverlust

Als akuter sensorineuraler Hörverlust ist ein rascher Verlust des Hörvermögens (mindestens 30 Dezibel in drei oder mehr in aneinander angrenzenden Frequenzbereichen) zu verstehen, der plötzlich oder über einen Zeitraum von bis zu drei Tagen eintreten kann12. Er tritt in allen Altersgruppen bei Frauen und Männern annähernd gleich häufig auf; die meisten Patienten sind zwischen 50 und 60 Jahren alt13. Die Erkrankung äußert sich in der Regel durch einen plötzlichen Hörverlust in einem Ohr. Auch Tinnitus, Druckgefühl im Ohr und/oder Drehschwindel können auftreten. Betroffene, bei denen diese Symptome auftreten, sollten sich unverzüglich in medizinische Behandlung begeben.  Für diese Art von Hörverlust gibt es über 100 mögliche Ursachen, weshalb nur selten eine konkrete Ursache benannt werden kann12. Manche Patienten genesen auch ohne medizinische Eingriffe vollständig; häufig innerhalb der ersten drei Tage. Bei anderen tritt nach ein bis zwei Wochen Besserung ein. In den übrigen Fällen, in denen sich der Zustand des Patienten nicht verbessert oder sogar verschlechtert, können verschiedene Formen der Behandlung genutzt werden, darunter auch die Verabreichung von Steroiden12.

Trauma

Als „akustisches Trauma“ wird eine Schädigung der Hörmechanismen des Innenohrs durch sehr laute Geräusche bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise Explosionen und Schüsse in unmittelbarer Nähe des Ohrs oder das Einwirken von lauter Musik oder Maschinenlärm über einen längeren Zeitraum.   Mögliche Symptome sind Hörverlust, der in der Regel partiell ist und die hohen Frequenzen betrifft, sowie Ohrgeräusche (Tinnitus)14. Hörverlust, der durch ein akustisches Trauma verursacht wurde, kann sich im Laufe der Zeit verschlechtern.

Treacher-Collins-Syndrom

Das Treacher-Collins-Syndrom (TCS), auch bezeichnet als Franceschetti-Zwahlen-Syndrom oder Dysostosis mandibulofacialis, ist eine erbliche Erkrankung, die zu Gesichtsfehlbildungen führt. Häufige Begleiterscheinungen eines Treacher-Collins-Syndroms sind chronische respiratorische Insuffizienz, Schlaf-Apnoe sowie Schallleitungs-Schwerhörigkeit aufgrund von Fehlbildungen des Außen- und des Mittelohres15. Fehlbildungen des Mittelohres treten in den meisten Fällen auf; Fehlbildungen des Innenohres mit sensorineuralem Hörverlust sind dagegen eher ungewöhnlich. Der Hörverlust tritt in der Regel beidseitig auf, wobei es zu einem Schallleitungsverlust zwischen 50 und 70 Dezibel kommen kann. Auch in Fällen mit normalen, offenen äußeren Gehörgängen ist die Gehörknöchelchenkette (die Kette der Knöchelchen im Mittelohr, die zu einer Verstärkung des Schalls beitragen) häufig deformiert16. Das Treacher-Collins-Syndrom ist eine seltene Erkrankung, die nur etwa einmal je 10.000 Geburten auftritt1, 17.

 

 

  1. Kelley PE, Scholes MA. Microtia and congenital aural atresia.Otolaryngol Clin North Am. 2007; 40: 61-80.
  2. Mastroiacovo P, Corchia C, Botto LD, Lanni R, Zampino G, Fusco D. Epidemiology and genetics of microtia-anotia: a registry based study on over one million births. J Med Genet. 1995; 32(6): 453-7.
  3. Roberts K. A preliminary account of the effect of otitis media on 15-month-olds’ categorization and some implications for early language learning. J Speech Lang Hear Res. 1997; 40(3): 508-18.
  4. Yilmaz S, Karasalihoglu AR, Tas A, Yagiz R, Tas M. Otoacoustic emissions in young adults with a history of otitis media. J Laryngol Otol. 2006; 120(2): 103-7.
  5. Kids Health. [online] 2011. Abrufbar von: http://kidshealth.org/parent/medical/ears/cleft_lip_palate.html
  6. Pearman K. Ear Problems in Children with Cleft Palates, [online], CLAPA News issue 12, 2000. Abrufbar von: http://www.clapa.com/documents/earproblemsinchildren_withcleftpalates.pdf
  7. Doctissimo. Congential deafness [online] 2005. Abrufbar von: http://health.doctissimo.com/infants-health/infant-eye-ear-disorders/congenital-deafness.html
  8. Snik AF, Mylanus EA, Proops DW, Wolfaardt J, Hodgetts WA, Somers T, Niparko JK, Wazen JJ, Sterkers O, Cremers CW, Tjellström A. Consensus statements on the Baha system: Where do we stand at present? Ann Otol Rhinol Laryngol Suppl. 2005; 195: 2-12.
  9. Shott SR, Joseph A, Heithaus D. Hearing loss in children with Down syndrome. Int J Pediatr Otorhinolaryngol. 2001; 61(3): 199-205.
  10. Nicholson N, Christensen L, Dornhoffer J, Martin P, Smith-Olinde L. Verification of speech spectrum audibility for pediatric Baha Softband users with craniofacial anomalies. Cleft Palate Craniofac J. 2011; 48(1): 56-65.
  11. Medicine.net. 2011. [online] Abrufbar von: http://www.medicinenet.com/otitis_externa/article.htm
  12. National Institute on Deafness and other Communication Disorders, Sudden Deafness 2007.  [online] Abrufbar von: http://www.nidcd.nih.gov/health/hearing/pages/sudden.aspx
  13. Wynne M, Fritsch M, Diefendorf A, Sudden Hearing Loss, The Asha Leader. December 26 2001. [online]Abrufbar von: http://www.asha.org/Publications/leader/2001/011226/sudden_hearing_loss.html
  14.  Medline Plus 2011. [Internet] Abrufbar von: http://www.nlm.nih.gov/medlineplus/ency/article/001061.htm
  15. National institute on deafness and other communication disorders [online]. 2011. Abrufbar von: http://www.nidcd.nih.gov.
  16. Argenta LC, Iacobucci JJ. Treacher Collins syndrome: present concepts of the disorder and their surgical correction. World J Surg. 1989; 13(4): 401-9.
  17. Trainor PA, Dixon J, Dixon MJ. Treacher Collins syndrome: etiology, pathogenesis and prevention. Eur J Hum Genet. 2009; 17(3): 275-83.