Ein Interview mit Musiktherapeutin Mag. Bianca Wirthner, MSc von der Universitätsklinik St. Pölten!

Juli 2015

Liebe Frau Wirthner, was versteht sich unter Musiktherapie?


Foto von links nach rechts: Musiktherapeutin Mag. Bianca Wirthner und Dr. Wolf-Magele Astrid

Musik gehört zu unseren ältesten Kulturgütern und wurde schon jeher in der Geschichte der Menschheit als Heilmittel eingesetzt. Heute versteht sich die Profession Musiktherapie als eigenständige, wissenschaftlich-künstlerisch-kreative Therapieform, die durch gezielten Einsatz von Musik therapeutische Wirkung erzielt. Musiktherapie ist die bewusste und geplante Behandlung von Menschen insbesondere mit körperlichen, seelischen und sozialen Problemen und Leidenszuständen. Die Musiktherapie verfolgt als Ziel die Gesundheit zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen, Verhaltensweisen zu ändern, Symptome zu lindern, dabei spielt innerhalb der Musiktherapie die  therapeutischen Beziehung eine große Rolle.

Innerhalb der Musiktherapie wird ressourcenorientiert und individuell gearbeitet, ganzheitliche Prozesse werden aktiviert und wirken auf die individuelle Hörentwicklung für alle Altersstufen.

Wie und wo unterstützt Musiktherapie im speziellen hörbeeinträchtige Menschen?

Musiktherapie unterstützt hörbeeinträchtigte Menschen sowohl auf psycho-sozialer (z.B. Stressminderung, Fokusverschiebung) als auch auf funktionaler Ebene (Konzentrationsförderung, Hörsensibilisierung, Verbesserung im Richtungshören, der Orientierung sowie der Musikrezeption). Musiktherapie hilft bei der Bewältigung neuer Lebenssituationen mit einem Hörimplantat. Sie bietet eine individuelle, auf psycho-soziale Aspekte fokussierte therapeutische Nachbetreuung und dient neben der medizinischen, audiologischen und logopädischen Betreuung als komplementäre Therapieform.

Wo wird Musiktherapie angeboten?

Diese, in Österreich seit 2009 gesetzlich anerkannte Form der Therapie wird bereits in vielen verschiedenen klinischen Bereichen (Intensivstation, Neurologie, Neonatologie, Geriatrie etc.) erfolgreich eingesetzt und nun erstmals an der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten des Universitätsklinikums St. Pölten für hörbeeinträchtige Menschen mit Hörimplantaten angeboten.

Welchen Hintergrund haben Ihre Patienten? Prälingual/postlingual ertaubt, Restgehör ja/nein

Die MT wird für alle Altersstufen und HörimplantatträgerInnen mit jeglichem medizinischen Hintergrund der Hörbeeinträchtigung /Implantatversorgung/prä-postlinguale Ertaubung, Restgehör oder nicht angeboten, da es sich um einen individuellen, ganzheitlichen, salutogenetischen Ansatz handelt und die Art der Hörbeeinträchtigung bzw. die Versorgung nicht primär im Mittelpunkt stehen muss.

Wie kann man sich eine Therapie vorstellen?

Wie schon bereits erwähnt, richtet sich die MT individuell nach den Bedürfnissen der ImplantatträgerInnen.  Hörbeeinträchtigten Menschen wird je nach Bedarf die Möglichkeit geboten, persönliche Gespräche über aktuelle Befindlichkeiten und Bedürfnisse zu führen, neue Erfahrungen im Hörerleben zu sammeln und durch spielerische (musikalische) Übungen zu einem besseren Hörverständnis zu gelangen. Dafür werden in Einzelsettings u.a. rezeptive (Musik sinnlich aufnehmen) und (inter-)aktive (selbst musizieren) Methoden angewandt.

Welche Ziele gibt es?

Die Ziele werden innerhalb der Therapie gemeinsam mit den einzelnen ImplantatträgerInnen formuliert. Somit begeben sich die PatientInnen in einen therapeutischen Prozess.

Sind für eine Musiktherapie musikalische Vorkenntnisse nötig?

Für die Teilnahme an musiktherapeutischen Sitzungen sind keine musikalischen Vorkenntnisse nötig, da es vorrangig um das gemeinsame Erleben und nicht um besondere musikalische Fähig- und Fertigkeiten geht. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Therapie?

Meiner bisherigen Erfahrung nach, macht die Therapie ab einigen Wochen nach der Erstanpassung Sinn, da für die ImplantatträgerInnen zu Beginn erst die Gewöhnungsphase an das neue Gerät und die neue Hörsituation im Vordergrund stehen. Sodann kann Musiktherapie auch als funktionales Hörtraining mit Instrumenten unterstützt werden.

Was sind die größten Herausforderungen?

Nach Aussagen der ImplantatträgerInnen hört sich Musik oft „metallisch“ an oder wird nur als „Lärm“ empfunden. Weiters wird von Patienten oft das Richtungshören als Schwierigkeit empfunden. In Gesellschaft z.b. beim Heurigenbesuch ist die Kommunikation in der Gruppe noch schwierig und beschränkt sich somit auf die Personen, die direkt neben einen sitzen. Eine Differenzierung der verschiedenen Instrumenten/gruppen an sich fällt einigen noch schwer.

Weiters sehe ich in den psychisch-emotionalen Herausforderungen der Betroffenen einen weiteren Schwerpunkt für die musiktherapeutischen Arbeit. Der Hörverlust kann für viele Menschen einen großen Einschnitt in ihr Leben bedeuten. Und Hörverlust bedeutet auch Musikverlust. Je nach musikalischer Biografie kann dies ein weiterer schwerer Schlag im Leben bedeuten.

Und wir Menschen bestehen schließlich ja nicht nur aus dem „auditiven Sinn“. Das Leben bringt viele Herausforderungen mit sich und dadurch kann es natürlich sein, dass innerhalb der Musiktherapiesitzungen nicht das Implantat im Mittelpunkt steht, sondern auch ein persönliches Problem, ein aktuelle Schwierigkeit im Leben o.Ä., wofür in der Musiktherapie natürlich Raum gegeben wird.

Wird im Rahmen der Musiktherapie auf Musikgenuss – also hören und machen – Wert gelegt?

Aus der Neurologie wissen wir, dass unser Hirn bis ins hohe Alter lernfähig ist und sich immer wieder neue neuronale Vernetzungen bilden können. Mit einem Implantat muss man auch wieder Hören lernen. Ich bin davon überzeugt, und auch Musiktherapie TeilnehmerInnen sagen, dass sie wieder lernen Musik zu hören.  Sinnvoll kann es z.B. sein, wenn man ein bekanntes Stück über einen gewissen Zeitraum immer wieder hört und sich dabei verschiedene Aufgaben stellt. z.B. auf den Rhythmus, einmal auf die Stimme, das Schlagzeug, das Klavier usw. konzentriert. Mit der Zeit kann es gelingen, dass man das Gesamtwerk hört und somit die Musik auch wieder genießen kann. Innerhalb der MT sehe ich den Vorteil darin, dass die Musik nicht aus der Konserve kommt und die ImplantatträgerInnen selbst die Klänge der vorhandenen Instrumente ausprobieren können und somit ein direktes Klangerlebnis haben.

Weiters kommt dazu, dass man gemeinsam Musizieren kann und die ImplantatträgerInnen ein freudvolles Miteinander, sozusagen das Musizieren „am eigenem Leib“ erfahren. Einige Implantatträgerinnen waren nach der MT sogar motiviert selbst ein Instrument (z.B. Harfe) an einer Musikschule zu erlernen.

Spielt Musikhören oder Musikmachen bei Ihren Patienten eine Rolle?

Es ist sehr unterschiedlich. Postlingual Ertaubte erinnern sich meist gut an die ihnen beliebte Musik von „früher“. Hier erwähnen manche eine Enttäuschung des Musikkonsums nach der OP. Aber auch hier gibt es individuelle Unterschiede, sowie Geschmäcker, auf die in der MT eingegangen wird. Doch viele wünschen sich wieder „besser“ Musik hören zu können.

Welche Empfehlung haben Sie für CI-TrägerInnen hinsichtlich Musikgenuss?

Wie schon gesagt, ich denke, dass das direkte Klangerleben in der MT dazu beitragen kann und nun erstmals in Österreich die Möglichkeit besteht dies an der HNO Abteilung in ST. Pölten auszuprobieren. Selbst an einem Instrument zu spielen, innerhalb der Gruppentherapie ein gemeinsames Klangerlebnis zu gestalten, kann Musikgenuss bedeuten. Denn Musik hat ja einen weiteren Vorteil: Musik kann man nicht nur Hören sondern auch FÜHLEN!

Meiner Meinung nach heißt das Zauberwort „Geduld“, das Gehirn braucht Zeit um sich an die neue Hörwelt zu gewöhnen und so ist es auch mit der Musik.

Pressekontakt

Antonio Sportelli

Cochlear Austria GmbH
Millennium Tower
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Österreich

E-Mail: asportelli@cochlear.com